Wenn eine 25-jährige Hochschulabsolventin ein Buch über zielgerichtete Kulturveränderung veröffentlicht, muss man wohl davon ausgehen, dass ihr Werk nicht eben erfahrungsgesättigt ist. Wenn dieses Buch dann allerdings den Untertitel "Ein psychologisch fundierter und prozessorientierter Leitfaden" trägt, tritt ein Verständnis zutage, das meint, anderen erklären zu können, wie sie vorgehen sollen, ohne in nennenswertem Umfang eigene Berührung mit der Realität gehabt zu haben. Das Studium von Fachliteratur dient der Autorin offenbar nicht zum besseren Verständnis der Realität, sondern als völlig ausreichender Ersatz für Realität - oder als überlegener Zugang zu ihr. Nun ist Praxiserfahrung kein Verdienst, sondern einfach nur das Resultat einer bestimmten Anwesenheits- bzw. Beschäftigungsdauer. Trotzdem ist sie nützlich, sofern sie nicht bloß aus einer Wiederholung der immer gleichen Dummheiten bestand, um beurteilen zu können, welche Ideen und Konzepte sich in der Praxis als brauchbar erweisen und welche nicht.
Doch auch aus anderen Gründen kann ich dieses Buch niemandem empfehlen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis miserabel: Der Text beginnt auf Seite 13 und endet auf Seite 117, umfasst also kaum mehr als 100 Seiten, einschließlich leerer oder fast leerer Seiten bei Kapitelübergängen. Die Seiten sind mit großer Schrifttype, weiten Zeilenabständen und mit kaum mehr als 30 Zeilen bedruckt - in normalem Fachbuchsatz wäre kaum die Hälfte der Seiten herausgekommen. Weitere sechs Seiten macht das Literaturverzeichnis mit 39 (überwiegend deutschsprachigen) Titeln aus - bei normalem Druck hätte das auf anderthalb Seiten Platz gehabt: Das Opus wirkt wie eine mühsam auf Buchumfang gestreckte Master- oder Magisterarbeit. Es ist schon ziemlich dreist, so etwas für 48 Euro zu verkaufen.
Es entspricht durchaus einer akademischen Tradition - wenn auch einer ziemlich entbehrlichen -, durch heftiges Zitieren aus drei Büchern ein viertes zu machen. Diese Tradition erklärt wohl auch, weshalb sich manche Denkschablonen ("Meme" im Sinne Susan Blackmores) unabhängig von ihrer theoretischen und praktischen Nützlichkeit so hartnäckig halten. Gerade unerfahrene Autoren neigen offenbar dazu, Denkmodelle zu kopieren, die für sie eine vordergründige Plausibilität haben und mit einem "großen Namen" verbunden sind, der ihnen als eine über alle Zweifel erhabene Referenz dient.
Ein Beispiel für solch ein hartnäckiges "Mem" ist die durchaus unglückliche Unterscheidung der drei Kulturebenen Artefakte, Normen und Grundannahmen, die Ed Schein aus der Anthropologie in die Organisationspsychologie eingeschleppt hat. Und die von anderen Autoren weiter zu einem "Eisberg-Modell" simplifiziert wird, mit der platten Analogie, dass beide angeblich zu 90 Prozent unter Wasser liegen. Für Eisberge mag das zutreffen; durchaus fraglich ist indes, welche Beweiskraft das plakative Bild für den eigentlichen Gegenstand der Betrachtung hat. Der Effekt von Scheins Modell ist Ratlosigkeit: Wenn wir nur die Ebene 1 (sichtbare Verhaltensweisen, Artefakte, Erzeugnisse, Rituale, Mythen usw.) beobachten können und daraus allenfalls noch die Ebene 2 (Gefühle für das Richtige und kollektive Werte) erschließen können, wird Arbeit an Unternehmenskultur zu einem Stochern im Nebel. Vermutlich geht es nicht zuletzt auf solche Denkschablonen zurück, dass viele Versuche zur Kulturveränderung mehr mit Geisterbeschwörung zu tun haben als mit professionellem Management.
Ein weiteres Mem, das Rohac wie viele andere kopiert, ist das beinahe 100 Jahre alte Phasenmodell der Veränderung von Kurt Lewin mit den drei Phasen Unfreeze - Move - Refreeze. Das ist ungefähr so hilfreich wie die Unterteilung in Einleitung, Hauptteil und Schluss: Nicht falsch, aber ziemlich unergiebig, jedenfalls wenn das Anspruchsniveau oberhalb der Elementartechniken liegt. Der alte Lewin, Begründer der modernen Sozialpsychologie, hat viele innovative Ideen und Modelle in die Theorie und Praxis der Psychologie eingebracht, aber sein Phasenmodell wirkt eher wie zwischen Tür und Angel hingeworfen. Selbst wenn es für die Arbeit mit Kleingruppen brauchbar sein sollte, kann ich nicht erkennen, welchen Nutzen es für die Theorie oder Praxis der Kulturveränderung hat. Zudem habe ich noch keinen Vorstand erlebt, der wollte, dass wir die Kultur nach in Gang gebrachter Veränderung wieder einfrieren. Und ich würde auch keinem dazu raten.
Auch sprachlich und in der Aufbereitung der Gedanken ist der Text schwer genießbar. Das Vorwort beginnt so: "Der Terminus 'Unternehmenskultur' erscheint im Gewande der Nichtfassbarkeit, der Unmöglichkeit zur Objektivierung und der emotionalen Qualität. Es hat etwas von Unheimlichkeit, wenn jene als selbstverständlich angenommenen 'heiligen Kühe' sich durch hart umkämpfte Märkte bewegen und entscheidenden, doch oftmals unterschätzten, Einfluss nehmen." (S. 7) Wie bitte? Heilige Kühe, die sich durch umkämpfte Märkte bewegen und entscheidenden Einfluss nehmen - man fragt sich, ob das noch gestelzte Jungakademiker-Pose ist oder schon unfreiwillige Komik. Kopfschütteln löst auch der Schlusssatz des Vorworts aus: "Beim Verspüren eines über diese Abhandlung hinausgehenden Interesses zu diesem Thema sei der Leser dazu angehalten, sich im Literaturverzeichnis kundig zu machen." (S. 8)
Was in akademischem Jargon daherkommt, entpuppt sich allzu oft als verschwurbelte Leerformel: "Die Veränderung einer Kultur birgt also eine besondere Brisanz, die schon per definitionem offensichtlich wird." (S. 39) Schon per definitionem offensichtlich?! Da rettet auch das kursiv gesetzte Bildungslatein nichts. Zwei Sätze später nähert sich die Autorin dann wieder der unfreiwilligen Komik: "Analog einer schwer zu knackenden Nuss ist es keinesfalls eine Leichtigkeit, an den Kern heranzukommen und ihn zu bewegen." (a.a.O.) Noch schwieriger dürfte es sein, die geknackte Nuss nach erfolgter Bewegung wieder so "einzufrieren", dass eine verbesserte neue Nuss herauskommt. Bei geknackten Nüssen ist ein Refreezing nach erfolgter Kernlokomotion gar nicht so einfach.
Lassen wir es dabei. Beim Verspüren eines über diese Rezension hinausgehenden Interesses sei der Leser dazu angehalten, sich selber durch das Buch zu quälen.
Nein, mit dieser Veröffentlichung haben sich die Autorin und der Verlag keinen Gefallen getan. Ein traditioneller Lektor oder Verleger hätte ihr wohl nahegebracht, dass ihre Euphorie über die gute Benotung ihrer Arbeit berechtigt sein mag, aber dennoch kaum deren Veröffentlichung als Fachbuch rechtfertigt. Aber man solch ein Manuskript natürlich auch unter der Perspektive sehen, dass nichts so wenig für eine Publikation geeignet ist, dass sich nicht Geld daraus schlagen lässt: Der Name des Verlags "Diplomica" ist offenbar Programm. Man sollte sich ihn zu merken, damit man nicht versehentlich noch mehr dort kauft. Doch offenbar gibt es auch für solche Werke einen (Anbieter-)Markt: Für Stephanie Rohac weist der Amazon-Katalog volle sieben Veröffentlichungen aus - die junge Dame hat offenbar so ziemlich jedes ihrer Referate und jede Seminararbeit als publikationswürdig empfunden. Ich bin nach dieser Kostprobe nicht so sicher, ob ich diese Einschätzung teile.
(MWonline zur Verfügung gestellt von Winfried Berner)
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(wb 26.12.2011) |
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