| Compliance in der Praxis |
Diese Frage hatten wir am 2.9.2009 im MWonline-Newsletter gestellt:
Einmal angenommen, Sie haben einen Tag Urlaub und spielen Golf oder gehen mittags nett essen. Dabei erblicken Sie den Leiter der Nachbarabteilung, wie er sich offenbar prächtig amüsiert. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, dumm nur, dass er offiziell auf Dienstreise zu einem Kongress und offiziell etliche hundert Kilometer weit weg ist. Wie es aussieht, hat er sich die Reise geschenkt und macht stattdessen ebenfalls ein paar Tage Urlaub. Für Sie ist das besonders ärgerlich, denn eigentlich wären Sie gerne zu diesem Kongress gefahren, aber Ihr Chef, der Kollege jenes besagten Abteilungsleiters, hat Ihnen erklärt, dass Sie vielleicht fachlich der richtige Mann seien, aber Ober sticht nun mal Unter, da könne man nichts machen.
Was tun Sie? Noch hat der angebliche Kongressbesucher Sie nicht gesehen, Sie haben also die Möglichkeit, sich dezent abzusetzen.
Wie ich auf die Frage komme? In der Personalwirtschaft ist ein Artikel zum Thema "Compliance" erschienen, und das hat mich an die Frage in einem Einstellungsinterview erinnert, die so ähnlich wie die hier geschilderte Situation gestellt wurde. Was hätten Sie hierauf geantwortet?
Die Antworten unserer Leser:
Alexander Brauer (15.9.2009): Ich würde mein Golfspielen so normal wie möglich fortsetzen, sollte besagter AL der Nachbarabteilung mich sehen, selbstverständlich freundlich grüßen.
Die Begegnung selbst aber in keinster Weise meinem Vorgesetzten gegenüber erwähnen. Die Würfel sind (ohnehin) gefallen - und man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter. Das wussten schon die alten Römer.
Nicola Andresen (4.9.2009): Da sitzt er nun, der Chef der Nachbarabteilung, und amüsiert sich im selben Lokal wie ich. Dabei sollte er auf dem Kongress sein, zu dem ich gerne wollte und nicht durfte, weil er sich bereits angemeldet hatte. Offensichtlich macht er einen oder gar mehrere Tage frei stattdessen. Das finde ich ärgerlich. Vor allem für mich, aber auch für die Ressourcen der Firma, die durch Stornogebühren belastet werden und die Kontakte die nicht gepflegt werden und und und...
Aber: Stop! Was weiß ich denn konkret? Vielleicht ist ihm ein wichtiger Termin dazwischen gekommen von dem ich nichts weiß, schließlich war ich heute nicht in der Firma. Und jetzt nutzt er den restlichen halben Tag für einen privaten Termin und fährt erst am nächsten Tag zum Kongress? Aber auch das ist alles Spekulation.
Bisher hat mich der Nachbarabteilungsleiter noch nicht gesehen, daher werde ich ein Zusammentreffen nicht forcieren, aber auch nicht das Feld räumen. Sollten wir uns direkt über den Weg laufen, würde ich ihn normal und höflich grüßen, einen kleinen Smalltalk machen und so tun, als gäbe es den Kongress gar nicht.
Am nächsten Tag werde ich dann meinen Chef beim morgendlichen Kaffeetrinken fragen, ob der Chef der Nachbarabteilung gestern einen wichtigen Termin hatte. Entweder ich bekomme interessante Informationen zu diesem Thema oder mein Vorgesetzter wird nachfragen, wie ich darauf käme, da der Kollege doch auf dem Kongress sei. In letzterem Fall würde ich ihm dann von der Begegnung im Lokal berichten und meiner Verwunderung darüber Ausdruck verleihen. Allerdings zurückhaltend.
Denn letztlich spielt sich das Problem - wenn es denn eines sein sollte - eine Hierarchie-Ebene höher ab. Und auf die Einhaltung dieser Hackordnung wird in meinem Unternehmen ganz offensichtlich (Ober sticht Unter) großen Wert gelegt. Daher gebe ich diese Verantwortung in diesem Fall auch an meinen Chef weiter, der entscheiden muss, wie er mit einem möglichen Fehlverhalten seines Kollegen umgehen möchte.
Christine Meyn (3.9.2009): Meine spontane Idee:
- freundlich grüßen, wenn ich erblickt werde!
- ergibt sich die Gelegenheit zu einem gemeinsamen Spiel?
- ist der Kongress eventuell ausgefallen?
Prof. Dr. Eugen Paul (3.9.2009: Ich würde an seiner Stelle das tun, weswegen ich hingekommen bin, nämlich Golf spielen.
Hermann Elling 3.9.2009): Ich sorge (dezent) dafür, dass er mich sieht und weiß, dass ich ihn gesehen habe. Weiteres mache ich davon abhängig, wie er darauf reagiert.
Kirsten Hartmann (3.9.2009): Meine spontane Reaktion - hingehen und verwundert begrüßen: "Ja hallo, Sie hier...ich dachte Sie sind auf dem Kongress XY..." und zurück im Unternehmen meinem Chef von dieser Begegnung "erzählen". "Übrigens habe ich ABC gestern beim Golfen getroffen. Ich dachte er wäre zum Kongress gefahren...." Vermutlich ist das nicht Karriere-fördernd bzw. führt in einem Einstellungsinterview zu Minuspunkten. Aber ich müsste nicht an meinem Ärger ersticken und ggf. überlegen, ob das (noch) das richtige Unternehmen für mich ist.