| Das Reiss-Profile |
(27.04.2010) Zwei Beiträge in der
Wirtschaft + Weiterbildung 2/2010 veranlassten unseren Rezensenten Christian Warneke dazu, sich zum Thema "Reiss-Profile" zu äußern:
Es wurden zwei Untersuchungen mit einem Instrument gemacht, welches keine haltbaren Ergebnisse liefern kann. Eine Minimal-Recherche zum Beispiel bei
Wikipedia hätte gereicht, um genügend Ansatzpunkte bzw. Zweifel für mindestens kritische Nachfragen zum Instrument zu liefern:
„Es ist wichtig zu betonen, dass die 16 Motive des Reiss-Profils nicht durch neue Forschungsergebnisse, sondern durch reine Statistik entstanden. Mit der Faktorenanalyse könnte man auch 6 oder 60 Basismotive „erzeugen“. Leider macht der Autor keine Angaben darüber, wie er konkret vorgegangen ist. Die Theorie ist also nicht prüfbar bzw. falsifizierbar. Das Gleiche gilt für den Ursprung der Motive. Dazu sagt Reiss: „William James and William McDougall said that our (human, d. V.) basic needs are genetically determined“. Der Test, der auf der Theorie aufbaut, also der Fragebogen (Inventar bzw. Reiss-Profil) wurde in 7 Studien mit 2,548 Probanden durchgeführt um dessen Reliabilität zu prüfen (test-retest-rliability); das sagt aber nichts über die „Qualität“ (Validität) oder den Informationsgehalt der zugrunde liegenden Theorie aus. Zum Verständnis: Die Aussage "alle Menschen müssen atmen" hat eine sehr hohe Reliabilität, die man durch unzählige Befragungen bestätigen könnte - ihr Informationgehalt ist aber gleich null (wissenschaftlich gesehen also eine wertlose Binsenweisheit).“
Der Autor und Chefredakteur hat sich wohl nicht all zu vieler Quellen bedient: Der Satz
"Das Instrument ‚Reiss Profile’ ist wissenschaftlich anerkannt und wird als sehr valide geschätzt" ist so nicht haltbar. Grundlegende methodische und inhatliche Aussagen sind nicht überprüfbar, da von Reiss nicht publiziert. In der Wissenschaft wird der Theorie das Niveau einer Binsenweisheit zugeschrieben und der Fragebogen als ein Instrument angesehen, das auf einer nicht haltbaren wissenschaftlichen Theorie basiert.
Mir ist unklar, wie eine Zeitschrift einen derartigen PR-Artikel publizieren kann.
Ist es Zufall, dass der lange Artikel über die Reiss-Profile mit der Werbung auf der Rückseite der Zeitschrift einhergeht?
(29.4.2010): Erstmal ein Dankeschön an Herrn Warneke dafür, dass er sich dem Thema annimmt. Dass ich anderer Meinung, bin hat zum einen damit zu tun, dass ich seit fast 10 Jahren mit dem Reiss-Profile arbeite und viele Menschen "berühren" und unterstützten konnte (und damit sicherlich nicht ganz neutral zum Reiss Profile stehe), zum anderen mir auch durch mein Psychologiestudium mit Schwerpunt der Testtheorie wissenschaftlich ein Bild machen konnte.
Zur zentralen Aussage der mangelnden Validität möchte ich entgegnen, einen Blick in die vielen zugänglichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Steven Reiss zu werfen (z.B. unter www.institut-fuer-lebensmotive.de). Viele Zusammenfassungen davon sind auch in seinen beiden Bücher: "Who am I" sowie "The normal personality" zu finden.
Der Wikipediaeintrag ist von daher meiner Meinung nach eher zu hinterfragen als die wissenschaftliche Basis der Theorie der Lebensmotive und des Reiss-Profiles.
Für Rückfragen dazu oder ein persönliches Gespräch stehe ich gerne zur Verfügung.
Absender: brand@institut-fuer-lebensmotive.de
(5.5.2010) Hallo Herr Brand,
herzlichen Dank für Ihren Beitrag. Ihre Perspektive kann ich gut verstehen, würde mir wahrscheinlich nicht anders gehen, wenn ich lange Jahre mit einem Instrument arbeiten würde. Dennoch hat mich Ihr Beitrag nicht von meiner Meinung abgebracht.
- Ich glaube Ihnen gerne, dass Sie Menschen „berühren und unterstützen“ konnten. Das ist für mich allerdings kein Beweis für die Güte des Instruments „Reiss-Profile“. Wenn Menschen anfangen über sich selbst nachzudenken (und dass auch noch angeleitet) fühlen sich viele „berührt und unterstützt“. Provokant gesagt: Diesen Effekt könnte man auch erzielen, indem man halbwegs sinnvolle Aussagen aufschreibt und die Leute bittet darüber zu reflektieren. Ich würde vielmehr vermuten, dass es Ihnen gelungen ist, z.B. eine gute, positive Gesprächsatmosphäre etc. zu schaffen. Wenn Sie darüber hinaus überlegen, wie viele der Leute, die bei Ihnen das Instrument genutzt haben, gerade in einer persönlichen Phase des Umbruchs, Zweifels o.ä., in der ein guter Zuhörer, Gesprächspartner, Coach als sehr hilfreich wahrgenommen wird, waren, dann überrascht das Gefühl der „Berührung“ nicht so sehr.
Ganz klar: Ich will damit nicht sagen, dass Sie schlechte Arbeit leisten. Ich versuche lediglich darzulegen, warum sich dieses Argument – aus meiner Sicht – nicht eignet, um die Güte des Verfahrens zu beschreiben.
- Zum Psychologiestudium: Da sind halt zwei Psychologen ganz verschiedener Meinung. Ich weiß nicht, was Ihre Erfahrung in der Praxis ist. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass Dipl.-Psych. in Diagnostik und Statistik nicht sehr tief schürfen. Das beziehe ich ganz explizit nicht auf Sie, ist aber meine Erfahrung in der Praxis. Ist auch kein Vorwurf an die Psychologen, die meisten wollten eben lieber „mit Menschen“ als mit Zahlen arbeiten. Das kann ich gut verstehen, aber manchmal ist es eben doch hilfreich sich tiefer in die Sachverhalte einzuarbeiten.
- Auf der von Ihnen genannten Website habe ich mich mal schnell umgeschaut. Das werde ich eher noch skeptischer. Ein paar Beispiele:
- "Ihr Reiss Profile ist so einzigartig wie Ihr Fingerabdruck" --> Diese Aussage kommt mir doch arg übertrieben vor. Was sagen Ihre Erfahrungen aus der Praxis? Gab es noch nie zwei Leute mit demselben Profil? Würden Sie das grundsätzlich ausschließen? Was soll diese Aussage?
- In dem Skript von Ulrich Mees, Uni Oldenburg: „In der Tradition der Eigenschaftstheorien der Motivation stehend nimmt Reiss an, dass diese sechzehn Grundmotive zeitlich stabil bleiben; andererseits sollen Paare dann auseinandergehen, wenn ihre Profile einander unähnlich werden (s.o.); also gesteht Reiss doch eine Prioritäten- und damit eine mögliche Profiländerung im Laufe der Zeit zu“ --> Ja, was denn nun? Zeitlich stabil oder nicht?
- Der Artikel von Reiss & Havercamp (1998) scheint ja so der zentrale Artikel zu sein, wie das Ganze zustande gekommen ist. Dennoch bleibt vieles im Dunkeln: Schauen Sie sich z.B. mal den Abschnitt „Results and Discussion“ zur ersten Studie an. Es bleibt völlig unklar, was genau – außer diversen Faktorenanalysen – gemacht wurde: „The first factor analysis extracted a 10-factor solution, the second extracted a 11-factor solution and so on up to 20 factors. […] The 15-factor solution was easiest to interpret, with few items loading on multiple factors“ (S. 99).
- Waren das jetzt konfirmatorische Faktorenanalysen? (Im Text scheint es zunächst anders angedeutet). Damit lässt sich jede gewünschte Faktorenstruktur erzeugen.
- Warum wurde die 15-Faktor-Lösung ausgesucht? Weil am einfachsten zu interpretieren? Was sagt das über die anderen 10 (!) Lösungen. Irrelevant, weil nicht interpretierbar?
- Kaiser-Guttmann-Kriterium wurde offensichtlich nicht angewendet. Mit diesem Ausschluss ist allerdings nichts (!) darüber gesagt, wie stattdessen vorgegangen wurde.
- Die Faktorladungen scheinen mir doch überschaubar zu sein (vgl. Tab. 2 v.a. die niedrigeren Werte).
Bitte sehen Sie mir nach, dass ich nicht das gesamte Literaturverzeichnis diskutiere. Aber alleine die genannten Beispiele lösen mehr als berechtigte Skepsis an dem Verfahren aus.
Ein paar andere Anmerkungen habe ich noch, weil ich dazu auf der von Ihnen genannten Seite nichts gefunden habe:
- Welche überprüfbaren Validitäts-Studien gibt es für Deutschland?
- Wie wurde die internationale Gültigkeit des Instruments überprüft?
- Wie sinnvoll ist es, motivationale Aspekte mit geschlossenen Antwortformaten zu erheben? Welche wissenschaftlichen Belege gibt es dafür, dass das überhaupt funktioniert?
Und noch eine andere Frage: Konnten Sie die Faktorenstruktur z.B. bei Ihren Kunden oder einer deutschen Stichprobe replizieren?
Soviel für’s Erste. Seien Sie mir nicht böse: Ich kann nur jedem Personaler raten, die Finger von diesem Verfahren zu lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Christian Warneke
(6.5.2010) Hallo,
es gibt eine Arbeit, welche die Zweifel an der "Wissenschaftlichkeit" des Reiss-Profile besonders stark nähren. Es handelt sich um eine Dissertation mit dem Titel "Strukturerkennende Verfahren bei Daten aus offenem Antwortformat - Ein Beitrag zur Psychologie des Wunsches\" von Jens Eisermann, Dissertation 2002. Die Dissertation ist
downloadbar. Mit dem Reiss-Profile beschäftigt sich der Abschnitt 04_abr.pdf.
Ein Beispiel der Analyseergebnisse von Eisermann: "Des Weiteren ist nicht sichtbar, ob Items aus dem ursprünglichen Pool, dessen Zusammenhänge die 15-Faktorlösung begründen, über die Revisionsschritte hinweg bis zur Endfassung erhalten geblieben sind. Es ist nicht auszuschließen, dass mit dem Konstruktionsprozeß nicht nur eine offensichtliche konzeptionelle Reduktion und Aufweichung einherging, sondern auch eine inhaltliche Verschiebung. Dieser Verdacht erhält durch den Wandel der Bedeutung des Motivs "Rache" bei Reiss und Havercamp Nahrung. In den theoretischen Arbeiten (Reiss & Havercamp, 1996, 1997) wird das Motiv "Rache" quasi beiläufig aufgelistet. In der empirischen Arbeit (Reiss & Havercamp, 1998) fungiert "Rache" jedoch als Bezeichner für den stärksten Faktor mit 12,4% Varianzaufklärung (Faktor 1 in Abbildung 5). Ist das Reiss-Profil somit vielleicht mehr ein spezielles Messinstrument für Rachsucht, dagegen aber weniger eines für fundamentale Motive oder Wünsche?" (S. 27/28 der Dissertation).
Gerhard Etzel
Absender: get@gerhard-etzel-training.de
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