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  Im Vorstellungsgespräch lügen?

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Was tun, wenn man im Vorstellungsgespräch sitzt und vor der Wahl steht, den mehrmonatigen Ausflug nach Asien als Bildungsreise oder als Urlaub zu bezeichnen? Und wie verkauft man seine letzte Tätigkeit, bei der man zwar keine Mitarbeiter geführt hat, aber mit ein wenig Phantasie doch eine Personalführungsaufgabe konstruieren kann? Das dürften noch die harmlosesten "Mogeleien" sein, glaubt man einem Beitrag des Personalmagazins 11/2002. Wird heute mehr gelogen und getrickst bei Vorstellungsgesprächen?


Stephan Link (11.5.2005) Wer lügt, glaubt sein Ziel eher mit der manipulierten Information zu erreichen. Sollte die Lügnerei in den Vorstellungsgesprächen tatsächlich zugenommen haben, würde also theoretisch die Mehrzahl der Arbeitnehmer annehmen, dass Täuschung funktioniert und vorteilhaft sei.

Als Personalberater kann ich das generell nicht bestätigen. Lügen ist menschlich, genauso wie es normal ist, dass im Gegensatz keiner angelogen werden will. Mogeln ist eine Unterform von Lügen, die moralisch weniger geächtet ist, weil harmloser und/oder aus der Not geboren. Sollte tatsächlich Mogeln gesellschaftlich inzwischen mehr akzeptiert sein, wäre es eine Veränderung der Spielregeln in der Kommunikation, die allen Beteiligten trotzdem bewusst wäre, d.h. die Informationen würden dennoch adäquat bewertet werden. Tatsächlich scheint es einfacher zu sein, auf dem Papier, d.h. im Lebenslauf zu schummeln, als es im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht möglich ist. In jeglicher menschlicher Interaktion ist doch Vertrauen wichtig, das natürlich dann zerstört wird, wenn die eine Seite glaubt, übervorteilt zu werden. Deshalb empfehle ich stets bei der Wahrheit zu bleiben und bei unangenehmen Fakten mit verkäuferischem Talent, aber offen, die positiven Seiten herauszustellen. Das erfordert Selbstbewußtsein und Mut - mutige Menschen sind immer noch sehr gefragt.

Absender: s.link@link-hr.com


Frank Niessen (27.11.2002): Ob heute mehr bei den Interviews gemogelt wird als vor zehn Jahren, es wäre die Aufgabe einer empirischen Untersuchung, dies zu untersuchen. Mein Erfahrungswert aus knapp zehn Jahren als Personalberater lässt mich die Frage "aus der Hüfte" bejahen. Wahrscheinlich würde die Empirie die in den Interviews festzustellende Irrsinnszahl der vermeintlich langjährigen Klassen- und Schulsprecher Deutschlands nicht bestätigen können. Der durch die Buchungszahlen bei den spezialisierten Veranstaltern zu verifizierende Anteil an "Sprachreisen" unserer Interviewklientel ist deutlich zu hoch. Die konkreten Zahlen über die Anteile von Angestellten und Selbständigen in der Gesamtbevölkerung ließe die in den letzten fünf Jahren virulent gewordene Gruppe der "Kinder aus Unternehmerhaushalten" realiter stark schrumpfen. Aber auch ein weiterer Punkt verdient Beachtung. Die breite Verfügbarkeit von Desktop-Publishing Programmen, Scannern und anderen Hilfswerkzeugen macht es den unaufrichtigen Bewerbern zunehmend leichter, die eigene Vita auch "faktisch" zu polieren. Da steigt die Abschlussnote, da ist dann plötzlich auch die teure DV-Weiterbildung absolviert und man hat ggf. noch einen MBA aus Nebraska vorzuweisen.

Angemogelt und getäuscht wird niemand gerne. Deshalb soll hier auch keine Lanze für die Täuschenden gebrochen werden. Nur wer sich die Maximalanforderungsprofile vieler Ausschreibungen der letzten Jahre vor Augen führt ahnt, dass mit dem Anziehen der geforderten Qualifikationen nicht unbedingt auch die breite Verfügbarkeit dieser "Essentials" einherging.

Den "Teamplayer" aus den Anzeigen kennen wir alle, in den Gesprächen sitzt er dann prompt auch vor uns. Die Suche nach dem "Unternehmer im Unternehmen" wird auf breiter Basis unterstützt: schon stellt er sich gleich dutzendweise der Personalabteilung oder dem Berater vor. Und falls in der Recklinghausener Jugend zu wenig internationale Orientierung unter Beweis gestellt werden konnte, wächst halt der Spanienurlaub zur ganzheitlichen Erlebnisreise in Galizien. Und auch hier gilt, man orientiert sich vornehmlich an dem, was man so liest und hört. Die "Sabbaticals" in den Bewerbungsunterlagen nehmen in der Rezession übrigens rasant zu...

Diese Punkte zu hinterfragen und uns im Gespräch ein eigenes Bild zu machen, ist weiterhin eine Kernaufgabe des Personalers. Der ist gefordert, ob nun bei der Beachtung möglicher Schwindeleien oder eben der Festlegung der Anforderungsmerkmale einer Aufgabe. Daher gilt: "Nice to have" ist "Nice to have". Inwieweit ein Gebietsverkaufleiter in Baden eine Multikultivita benötigt, sollte aufmerksam abgewogen werden. Schön wäre es, notwendig ist es wahrscheinlich nicht.


Kirsten Hartmann (27.11.2002): Mit Sicherheit gibt es die ein oder andere gefälschte und unentdeckte Bewerbung. Allerdings glaube ich schon, dass - wenn die Bewerbungsunterlagen wirklich genau studiert werden - unstimmige Angaben auffallen. Spätestens im Vorstellungsgespräch wird der lügende Bewerber Probleme bekommen, konkrete Beispiele und Erfahrungen zu liefern. Ich denke, dass vor allem beim Auswahlverfahren professioneller gearbeitet werden muss. Denn Personal kann ja - angeblich - jeder. Und wenn ich manchmal höre, wie Vorstellungsgespräche bei Freunden verlaufen sind.... dann kann ich mich nur wenig wundern.


 

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